Im Versuch das Bild zu bewohnen:

Ein zittriger Zyklop mit Kurzzeitgedächtnis tastet sich durch flache Räume, schweift über Oberflächen zwischen Glätte und Tiefe, Erinnerungen heimsuchend. Blicke spuken umher, aber der freie Platz bleibt unberührt. Nur die (Gemüts)Bewegung auf dem Teppich und der Staub im Auge sind dreidimensional. Selig sind, die da Leid tragen im Panorama zwischen Pathos und Plattheit.

Lotta Beckers studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, absolviert zurzeit ihren Master in Europäischen Medienwissenschaften in Potsdam und bewegt sich ansonsten in ihrer Arbeit fließend zwischen Theater, Performance und Choreographie.

14.04.2021, 16:48

Liebe Ella,

Wenn ich alleine bin, überfallen mich die Worte. Ich sitze an meinem Schreibtisch, lese einen Text für die Uni oder schaue vielleicht einen Film – dann: Eine Tür wird aufgetreten, Glas zerbricht, die Maskierten stürmen herein. Es klingt aus der bodenlosen Leere meines Bewusstseins: “Ah, ich brauche noch Eier.” Die Wörter machen es sich bequem ohne, dass ich dagegen etwas tun könnte. 

Mein Selbst als solches ist ein Netz aus Sprache. Ohne Worte wäre ich nicht nur nicht Ich, sondern Nichts. Das gespenstige Etwas, das ich Ich nenne, offenbart sich nur im stillen Selbstgespräch, dem Denken. Will ich etwas schreiben, teilt es sich in A und B, in beginnt darüber zu streiten, wie beispielsweise die Szene ausgestaltet, welche Worte in die Münder der Figuren gelegt werden sollen. 

Selbst wenn mein bewusstes Selbst nicht anwesend ist, ist mein Ich in Form von Wortgebilden zugegen. So wache ich manchmal auf, weiß nicht wo/wer/was ich bin, weiß nur, dass da dieser Satz ist, unreflektiert und nüchtern: 

Ah, ich brauche noch Eier.” 



05.05.2021, 16:45

Lieber Leo,

deine Flut an Worten hat mich untergraben. So viele Buchstaben und Hüllen, dabei sehe ich nur ein Ei. Das Ei liegt oberhalb meiner Lider, erscheint an einem mysteriösen Ort jenseits meiner Stirn, weder innerhalb noch außerhalb meiner Selbst.

Das Bild eines Eis. Als Konsequenz: Das Gefühl, nochmal zum Supermarkt gehen zu müssen.

Also, was war nun zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Das Wort oder das Bild?

Ich bin neugierig: Was passiert in deinem Gehirn, wenn du an deine Mutter denkst? Das Wort Mutter?

16.06.2021, 19:29

Liebe Ella,

entschuldige bitte das unangenehm lange Schweigen meinerseits – betrachte es vielleicht als Wiedergutmachung der Wortflut zuvor. Wenn ich das Wort ‘Mutter’ höre, sehe ich eine Fotografie meiner Mutter, in welcher sie meine kleine Schwester, damals eine Neugeborene, im Krankenhaus in den Armen hält. Es gibt eine zweite Fotografie, auf der man mich, gerade einmal drei Jahre alt, bei ihr am Krankenhausbett stehen sieht, in der Hand eine Fanta-Dose. Ich glaube hierbei handelt es sich um meine erste Erinnerung – ich erinnere mich an die Fanta-Dose – wie ich sie im Krankenhausaufzug, mein Vater neben mir, in der Hand halte und mich freue. Daran, meine Schwester, diesen neuen Mensch, im Krankenhaus gesehen zu haben, erinnere ich mich nicht…

Was hältst Du von diesem Textauszug:
(Keine Sorge – es besteht, so meine Hoffnung, ein thematischer Bezug):

“An nichts so richtig – filmästhetischen Kram. Findest du nicht auch, dass der konventionelle Film etwas faschistisches hat? Alles muss immer sichtbar sein. Nichts wird offen gelassen. Das Publikum wird von einer Einstellung in die nächste gehetzt, sodass die Bilder gar nicht atmen können. Die grundsätzliche Methode in vollendeten Bildern zu erzählen ist faschistisch, weil Bilder bereits den letzten Schritt verkörpern und die Gedanken in unseren Köpfen kolonialisieren. Sie befehlen mir, was ich zu sehen habe. Wörter hingegen sind lediglich abstrakte Symbole der Wirklichkeit, sie überlassen unserer Fantasie den letzten Schritt. Ich sage: Das schöne Kind lacht im Blumenfeld. Und deine Fantasie formt ein freies Bild, das nur dir gehört. Dasselbe gilt für die Musik“, sage ich bestimmt und bin selbst überrascht.“



20.06.21, 23:51

Lieber Leo, 

spannend, dass du eine Fotografie siehst, und keine echte Erinnerung. Gibt es deine Mutter auch als etwas Bewegliches in deiner Erinnerung? Könntest du sie dir vor dem inneren Auge vorstellen, an irgendeinem Ort?

(Anekdote: Was von der Geburt meines jüngeren Bruders hängengeblieben ist, ist ebenfalls nicht dieser sonderbare neue Mensch – sondern ein Plüschtieraffe, den ich von den Hebammen geschenkt bekommen hatte. Kommt man denn als Kind schon materialistisch auf die Welt?)

Naja. Zurück zum Blabla: 

Film ist ein visuelles Medium. Folgt man deinem oben zitierten Text, sollte man nie wieder Filme schauen und ab sofort nur noch zur Literatur greifen, besser noch, die Augen verschließen.

Ich habe mich zurückgehalten, den Begriff Faschismus – ein großes und schweres Wort – in Google reinzuhauen, um eine so offene Verwendung zu überprüfen. Ein weiteres von diesen vielen vielen Wörtern.

Den Urheber dieses Textes würde ich gerne fragen: Ist die Mona-Lisa für dich faschistisch? Ist ihr berühmtes Lächeln vollendet und eindeutig?

Ich gebe zu: Bilder verbergen nichts. Doch solange die Bilder atmen, großzügig gewählt sind, kann ein jeder selbst bestimmen, wohin er sieht. Und geht es gleichzeitig im Kino nicht gerade darum, was man nicht sieht? (Die Leinwand als Fenster zu einer viel größeren Welt jenseits des Frames.) 

Wenn Bilder nichts verbergen, ist zumindest ihr Sinn immer zweifelhaft (wenn nicht sogar irrelevant). Und genau das unterscheidet sie von Worten, Worte, die immer einen Sinn (oder mehrere) haben, denn ist das nicht die einzige Funktion der Wörter? Den Objekten und Bildern um uns herum einen Sinn zu verleihen – und damit eine Berechtigung zu existieren?

Um dir noch etwas zurückzuspielen; ein Satz aus Hermann Hesses Siddharta

„Es gibt kein Ding, das Nirwana wäre; es gibt nur das Wort Nirwana.“



24.06.31, 14:54

Liebe Ella,

danke für deinen schönen Brief. Fantadosen und Plüschtieraffen.

Meine Mutter existiert auch als ein sich bewegender Mensch in meiner Erinnerung und es gelingt mir auch, sie in nie dagewesene Fantasieräume zu setzen, wenn ich mich anstrenge, doch es fällt mir schwer. Ich denke, das Schubladenarchiv meines Hirns hat wohl die Karteikarte zum Begriff ‘Mutter’ mit dem eindeutigsten Bild beschrieben: Eine Frau, die ein Neugeborenes in ihren Armen hält.

Ausgangspunkt für die faschistoide Qualität der Bilder ist lustigerweise ein Gedanke Roland Barthes zum Wesen der Wörter gewesen: “… die Sprache als Performanz aller Rede ist weder reaktionär noch progressiv; sie ist ganz einfach faschistisch; denn Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, es heißt zum Sagen zwingen.” Sobald der Mensch die Sprache erlernt hat, kann er nicht mehr anders, als sie im inneren Monolog (den Gedankengängen) wieder und wieder zu produzieren. Überfallartig aus dem Nichts: EIER KAUFEN!

Zum Bild, das verbirgt, anstatt zu offenbaren, schießt mir Kiarostami und seine Position, dass nur der halbe Film für ihn interessant ist, in den Kopf – Im Anschluss die Frage: Stellst Du Dir manchmal vor, dass das Bild hinter den Grenzen seiner Rahmung weitergeht? Gibt es in Deinem Kopf gar den Spiegel zum tatsächlich vorhandenen Bild, den Gegenschuss, welcher dem gerade laufenden Film eine Form von Dreidimensionalität verleiht?

19.07.2021, 11:02

Lieber Leo,

ich stelle mir IMMER vor, dass ein Bild hinter der Rahmen weiterläuft…für mich ist es das, was Kino seine Magie verleiht. Die Leinwand ist keine abgeschlossene Welt, so wie ich es beispielsweise im Theater oft erlebe; die Leinwand gibt mir einen Impuls, der mich dazu beeinflusst, eine ganze neue Welt zu erleben. 

Das Filmemachen wird dadurch zu einer Arbeit, die mit der Vorstellungskraft des Publikums arbeitet und dadurch deutlich weniger erklären muss. Es gibt keine unsichtbaren Worte, aber es gibt unsichtbare Bilder. Anders gesagt: Wörter beschreiben, was ist. Bilder können zeigen, was nicht ist, bzw. sein könnte. Bildlücken, die von jedem Individuum ausgefüllt werden können.

Ich spinne nur etwas herum….

Wenn jetzt laut Roland Barthes Bilder UND Worte faschistisch sind, frage ich mich, was da eigentlich noch übrigbleibt.

Vielleicht nur noch der Versuch, damit umzugehen.

Es war schön, mit dir zu schreiben.

Und jetzt muss ich mich wieder den Bildern widmen :^)


Ella Knorz ist eine einundzwanzigjährige Filmemacherin, die Filmregie an der HFF München studiert.

https://vimeo.com/ellaknorz

The streets are noisy and dusty where I’m from. The thing about making time pass is that it doesn’t require a lot of making. Among was a very good friend of mine, but he’s very quiet, he doesn’t make a lot of noise, you see. They also put condensed milk in coffee – it makes everything taste better – the condensed milk I mean. And Among would tell me – although he doesn’t talk as much – why he doesn’t like it in his coffee, he told me he understands that it lasts way longer than normal milk, but he thinks it’s a bit too strong for his taste.

On most Sundays I usually take the motorbike to SinUt (you know where they serve fresh chicken noodles and condensed milk coffee ) and I’d just sit there – smoking of course and eating – and wait and see who comes. It’s almost like an ongoing church service – except it’s better – no one tells us what is right and wrong and what we should do to obtain our one way ticket to the heavens. It’s just you and yourself but at the same time with the friendly company of quiet half-strangers. Half-strangers are people you know of. And there’s plenty of them. Among is a step higher than half-stranger to me – we don’t have each other’s address or landline numbers – I’m not even certain he owns a telephone back home. But we’d meet every Sunday.

Cause I’m there.
And so is he.

Edlin Jap is a 19 year old Photographer and Art Director who’s currently in search for herself in the city of Berlin, or more precisely in the heart of Kottbusser Tor.

https://www.instagram.com/edlinjap/

„I have to say after Days of Being Wild – because the film did not do well in the box office – it was very difficult to find someone to produce our film. So we started our own company and we produced our own productions. Most of the time we were working with very tight budgets. Like Chungking Express – basically we made this film like a student film. We didn’t have time for a big setup. At that point, we called ourselves CNN. We just did it like CNN, bring the camera and shoot it, without permit, without any license. We even got caught because we shot in the subway without any license and we had a warning from the airport because we just broke in there and shot it. Everyday is like planning a robbery. And in fact some of our style came from there, a lot of handheld and step-printing.“ – WKW, Museum of the Moving Image Pinewood Dialogues, 2008

Liebe Francesca,

die moderne Welt, ich verstehe sie nicht mehr. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es nicht auf alte und nicht auf neue Form ankommt, sondern darauf, dass man tätig ist, ohne an irgendwelche Formen zu denken. Man ist tätig, weil sich im Inneren etwas rührt, etwas, dass frei aus der Seele hervorströmen möchte. Ohne Konsens, ein neues System, dass jeder und jedem erlaubt, sich zu verselbstständigen. Und so hast du mich mit deinen Fotografien dazu bewegt, mich selbst in Szene zu setzen, mich auszuprobieren in der Selbstinszenierung.

Die Fähigkeit die Wirklichkeit zu sehen, verlangt die Schulung des Auges. Erst wenn ich richtig sehen kann, kann ich das Gesehene in angemessener Art und Weise zum Vorschein bringen; ich kann es zeigen. Heißt das, dass ich zuerst erkennen muss, wer ich bin, um mich selbst zu zeigen, um mich selbst in Szene zu setzen? Jetzt stehe ich vor diesem Bild, einer Fotografie die eine Schildkröte zeigt, die durch einen leeren und morbiden Raum kriecht, beobachtet von einem Mädchen, dessen Gesicht verdeckt ist, das aber trotzdem hinsieht. Dieses Mädchen bist du. Du bist in diesem Moment der Bewegung gefangen, eingefangen und dem Betrachter ausgeliefert. Du hast alles ganz bewusst inszeniert, im existenziellen Interesse deiner selbst, den Eindruck, den du dabei abgibst, nach Möglichkeit zu kontrollieren. Es ist deine Performance, die mit der Kamera in der Funktion des zwischenzeitlichen Publikums eingefangen wird. So ist das Bild die einzig richtige Art und Weise, dich auszudrücken, um deinen Formen des Denkens wie die Inspiration, die Intuition und vor allem die Imagination [Imago – lat. Bild] in einem Werk zum Vorschein zu bringen. Das, was du siehst, zeigst du mir durch deine Fotografie. Du bist die Künstlerin katexochen. Du warst die Außenseiterin im künstlerischen Leben deiner Zeit. Du warst fähig zu leiden, hast dich verschlissen. Deine Fotografien sind Inszenierungen, die ein Bündnis mit Fantasie und Wirklichkeit eingehen, die die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen – deine Fähigkeit, in der Realität zu erscheinen und aus ihr herauszutreten, wie ein Geist – und mich als Betrachtenden immer mit Fragen zurückzulassen. Ein Gebilde nach deinen Regeln gebaut, schafft eine traumähnliche Atmosphäre, zart, voller Melancholie, wie aus dem Surrealismus entschlüpft. Diese erdachte Welt gleicht einem Spiel zwischen Irdischem und Übersinnlichem. Das Spiel als etwas freies, das den zur Freiheit verurteilten Mensch zum Selbstentwurf befähigt und zum ersten Mal zeigt, dass der Mensch das sein kann, was dieser als sein Selbst, als die ihm eigene Person kreiert.

Du bist aus dem Fenster gesprungen und nach dir die Sintflut. Eine Flut an Bildern aus der virtuellen Welt überschwemmen mich und erschweren mir das klare Sehen. Ich frage mich, ob du dir damals schon ausgerechnet hast, welche Tragweite und welchen Einfluss dein Werk auf alles Kommende und jetzt Vorhandene haben wird. Ein Bild kann heute jede oder jeder produzieren und verbreiten. Jede oder jeder kann sich selbst in Szene setzen, wenn diese oder dieser das Spiel mit dem Bildern beherrscht und somit bekannt, erkannt und prominent werden. Es ist die kindliche Sehnsucht nach Erfolg und Ruhm, doch bei dir war es der brennende Wunsch, als Reformerin der Fotografie wirksam zu werden. So waren doch deine Werke die erste Geste, die zu dieser Entwicklung überhaupt beitrugen und zu einer weiteren führten. Heute ist es selbstverständlich, den Mensch als Begriff der Kunst in die Gesellschaft hinüberzuführen. Die Kunst ist nun dahin gekommen, dass der Mensch selbst das Kunstwerk ist, wobei die Qualität des Kunstwerks fraglich bleibt.

Heute ist das Zeigen dem Sehen vorrangig. Es wird alles gezeigt, was vor die Linse kommt. Man schießt auf den Mensch, auf den sich darstellenden Mensch, auf die ganze Schönheit der Erde, auf die Straßen, die Blumen, die Gebäude. Die Hauptsache ist, dass man schießt. Doch im Zentrum steht nicht das vom fotografierenden Subjekt Gesehene, sondern, dass das Gezeigte von Anderen gesehen wird. Nicht

der Inhalt, sondern der Ausdruck soll überzeugen. Vor allem das Hervorheben der eigenen Person und ihr ewiger Geltungsdrang sollen künstlerisch inszeniert sein, um ein Maximum an Aufmerksamkeit zu generieren. #how_to_become_famous_on_instagram? Dieser Drang des Zeigens und die gewollte Inszenierung überrumpeln oftmals die Betrachterin oder den Betrachter und lassen diese oder diesen verständnislos fragend zurück. Dann stellt sich den Betrachtenden nicht die Frage, wie der Inhalt zu deuten, sondern wo der Inhalt überhaupt abgeblieben sei. Wenn es der Fotografin oder dem Fotografen nicht gelingt das Gesehene in der Selbstinszenierung zum Ausdruck zu bringen, dann erscheint das Aussehen der Gesten mechanisch, als eine sinnlose Pantomime und das Gezeigte ist nur noch stumpfsinnig und leer. Folglich spiegelt sich in der Fotografie eine Unaufrichtigkeit gegenüber sich selbst und die Selbstinszenierung dient lediglich der Verbreitung einer Lüge über die eigene Person, die einer Täuschung aller gleicht. Der moderne Mensch missbraucht die Selbstinszenierung in der Fotografie für eine Hervorhebung der eigenen Person, während du diese zum Zeigen des von dir Gesehenen gebrauchtest. Der Unterschied ist, dass du in deinen Fotografien immer du selbst bist. Zwar spielst du eine Rolle, sprichst durch eine Maske, aber du bleibst immer konsequent bei der Wahrheit und die oder der Zuschauende sieht immer dich. Deine Fotografien haben das etwas, das Geheimnis, welches unerklärbar ist, jedoch da ist, spürbar ist, unterbewusst wahrgenommen werden kann, schlussendlich das Erhabene, was die Fotografien erst zu Kunstwerken erhebt. In einem Wort zeigst du das Gesehene wahrhaftig. Ich möchte einmal sehen können wie du. Ach, wenn ich nur einmal so sehen könnte wie du, Francesca.

Ich bin ein Fotograf, der schreibt, jedoch noch nie eine Kamera in der Hand hatte und Legastheniker ist.

Erregt grüßend

Nolram Beinhart

Regie: Marlon Bienert
Performance: Marie Elise Hufnagel

Marlon Bienert ist Videokünstler und studiert Architektur an der TU München.

An anderer Stelle schreiben wir:

„Wir sehen den Diskurs in all seinen Formen als wesentlichen Teil der Filmkultur.“

Um dieser Behauptung gerecht zu werden folgt nun die Kritik der filmischen Gedanken eines Enkels von seiner Großmutter. Somit wird der Reflektion der Spiegel vorgehalten.

Zwischen den Zeilen offenbart sich wieder und wieder die Erinnerung an eine Zeit, in der die Filme laufen lernten. Nun, da die Filme zum Hausarrest verdonnert sind, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass sie ihrer Lieblingsbeschäftigung – dem Laufen im Kino – auch zukünftig ohne Krücken nachgehen können.

– Leo Geisler

My grandmother never saw Marcello Mastroianni. But she met him when she read my letter to him.


Her critique of my writing became a conversation about cinema. Cinema as an analogy to her flawed marriage to my grandfather. 

Read the original visual letter here: https://filmdaemmerung.studio/2020/12/28/lieber-
marcello/





– Louis Gering

Directed by Louis Gering

Dear Sir/Madam,

I hope this correspondence finds you well. Unfortunately, I am writing to Lacuna, Inc. to bring attention to the fact that I am extremely dissatisfied with the quality of services provided by your company. I am of course referring to the services provided to me on 15/11/2020, namely the focused erasure of recent troubling memories.

I believe that in this instance I have been the subject of – quite frankly – customer negligence. As stated by the terms and conditions expressed not only in the contract which I signed with your company, but in the televised commercial which first brought my attention to your services, I was informed that Lacuna provided a “patented, non-surgical procedure which would rid me of painful memories of my choosing, in turn allowing for a new and lasting peace of mind”.

At NO point in the contract I signed with Lacuna was it disclosed that I would still be afflicted by the emotional imprintof these memories. In the weeks that have followed your procedure, I have found myself living in a nightmare. I have been riddled with a most profound sense of melancholy and abject despair, almost certainly associated with an object and/or person. I believe it is a person, as I am somewhat triggered whenever I hear the derived variant of a specific Latin name – which I am forbidden to refer to as stated by the terms of my contract – although I will disclose that this name refers to the phenomenon of light.

I believe this truth is evident in the fact that I simply cannot look at lights anymore, even the lights in my own home. They hurt my head and I want to smash them all up. Whether or not this is the result of some residual trauma still associated with whatever memory has now been displaced from my consciousness, or it is merely a biochemical side-effect of the procedure, I do not know (though if I am able to determine this affliction as having resulted from the latter, then I must inform you that I have every intention of suing your company).

Indeed, I cannot sleep, as a result of some voice in the back of my head telling me to (pardon this expletive) “f**k sleep” itself. I have been subjected to a recurring dream wherein I am standing on the bank of some pond in the blazing sun. It’s a rather big pond, where ducklings waddle along the banks during the day, and rats in turn scuttle by night. It’s situated between a big park and a long, winding road that looks as if it has been lifted from American suburbia (which is in itself odd, as this park is unmistakeably a place which I have visited many times in North London).

In this dream, I’m standing on the bank of the pond in Springtime. There’s this girl in my arms, but she’s not really there. I can feel her hair and her clothes and her skin pressing against mine, but there is no physical matter in between my arms, and as such they are merely coiled around thin air. This girl keeps telling me she’s about to sink into the soil and asks me to go with her into the water to stop her from getting trapped. I try to help her move into the water, but I can’t, because as previously established, she isn’t really there. She’s like thin air, just passing through me.

So the girl lets out this bloodcurdling scream; some strange, cacophonous sound comprised of the dissociated fragments of what sounds like verbal abuse. The scream is deafening, and it causes my ears to bleed so much that I collapse to my knees. And then I burst into tears because I know the things she’s screaming about are not true and are just horrible lies that have been put in her head, but I still just want her to be OK more than anything. But she just keeps on screaming, all the while getting closer and closer to being trapped without even realising it will be forever. And so I’m reminded of the subtitle of the seminal 2002 Bright Eyes album ‘Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground’ (if you haven’t yet heard it, you really should. It’s fantastic). Though of course I can’t keep my ear to the ground because it’s bleeding as a result of the girl’s horrifying screams, and so – not wanting to risk a potential infection caused by the meeting of dirt and blood in my ear – I instead LOOK at the ground, where there’s this note which has been etched into the earth which simply says this:

We do not move through time. We are stationary. And time passes through us.

I find this theory quite difficult to accept; in all honesty, I feel I would not be able to go on living were it in fact true. As a result, I trust you can understand the extreme disappointment that I feel towards the quality of services provided by your company, or at least empathise with the trauma I have experienced as a result of these services.

I must therefore request that you address this issue with immediate attention and notify me if any members of your staff are able to decipher this dream of mine and all its (dis)contents. It is of extreme importance to me that I uncover whether this dream has been placed in my head by your company, or if it is anything to do with the memories which I sought to erase with the aid of your services.

After all, this dream cannot belong to me if all the memories which it has supposedly sprung from have been erased… surely?

Regardless, I expect full compensation for these services. In the event that you are able to refund my memories, please do let me know, in that at least with their restoration I might be able to figure out what the hell this dream is really about. Whoever this person is or whatever she may represent, I think I miss her/it an awful lot, and hope that she/it stops listening to lies which cause her/it to scream and sink into dirt. Perhaps that way, not only will my ears stop bleeding, but she might stop hurting too. In the dream that is.

I look forward to your reply in what will hopefully be a short span of time.

Yours sincerely,

Frank Fregoli Jr.

Written & Directed by Jaden Stone
Additional cinematography by Prentice Wright and Jade de Sylva

Jaden Stone is a 23-year-old filmmaker, writer, illustrator and musician based in London, and alumni of the BFI Film Academy. He is a part of S.O.U.L Celebrate Connect, a festival aimed at supporting ethnic minority filmmakers, and in 2015 received a bursary through the BFI to develop a feature-length screenplay as part of the prestigious Screen Arts Institute. He is currently developing his passion project, a dark fantasy animated sitcom series, as well as a collection of admittedly pretty freaky short stories.

Was ist das Ziel von Filmkritik?

Filmkritik ist im besten Fall eine Fortführung des Filmerlebnisses. Es ist einer von vielen weiteren Glassplittern, die die verschiedenen Lesarten des Gesehen widerspiegeln. Nur so kann ein Film sich selbst überleben, denn solange ein Werk die Kraft besitzt, verschiedenen Interpretationen Leben einzuhauchen, vermag er es auch selbst weiter zu atmen. 

What is the aim of film criticism?

At its best, film criticism is a continuation of the film experience. It is one of many more shards of glass that reflect the different readings of what is seen. Only in this way can a film survive itself. Inasmuch that a film can only breath life, as long as it has the power to inspire. 

Was darf Filmkritik nicht sein?

Das Ziel darf nicht sein das Werk ein für alle Mal zu erklären oder noch schlimmer: darzustellen. Erstens vermag das keine Filmkritik, zweitens würde das den Tod bedeuten. Denn Filme, die sich in Worte fassen lassen, sind nicht der Rede wert. So muss die Sprache Sprache bleiben. Sie kann bloß eine Tür öffnen, welche der Film ihr gezeigt hat. Wenn die Rezipient*in einer Filmkritik sich entschließt, durch diese Tür hindurch zu gehen, wird auf der anderen Seite sicherlich nicht der gleiche Film auf sie warten. Doch man wird sich ihm näher fühlen, als wenn man versucht ihn ohne Kamera wiederzugeben. 

What must film criticism not be?

The goal must not be to explain the work once and for all, or even worse: to portray it. Firstly, no film criticism can do such, and secondly, that would mean death. For films that can be put into words are not worth talking about. So words must remain words. And these words should only serve to open a door that the film has been able to conjure. If the recipients of a film critique decide to step through this door, it will certainly not be the same film waiting for them on the other side. Still, they will feel closer to the idea of the original work, than by means of simply trying to reproduce the film without a camera. 

Was ermöglicht Filmkritik?

Dementsprechend ermöglicht Filmkritik das Überleben oder Nachleben eines Werkes und ermächtig gleichzeitig die Rezipient*in des Werkes eine aktive Rolle in dessen Nachleben einzunehmen. Genau wie der Film selbst, muss die Filmkritik also eine kritische Reflexion über das Leben ermöglichen. Nur so kann die Rezipient*in die Fragen vertiefen, welche der Film aufgeworfen hat und sich ein Leben vorstellen, das sie mit neuen Antworten entscheidend mitgestalten kann. Denn was ist Film, wenn nicht eine Auseinandersetzung mit dem Leben?

What does film criticism enable?

Consequently, film criticism enables the survival or afterlife of a work and at the same time empowers the recipients of the work to take an active role in its afterlife. Thus, like film itself, film criticism must enable a critical reflection on life. Only in this way can the recipients deepen the questions raised by the film and imagine a life that they can shape with new answers of their own. For what is film, if not an examination of life?

Von Louis Gering