Es ist zweifelhaft, ob das Kino hierzu ausreicht; doch wenn die Welt zu einem schlechten Film geworden ist, an den wir nicht mehr glauben, kann dann nicht ein wahres Kino dazu beitragen, uns Gründe dafür zu liefern, an die Welt und die ohnmächtig gewordenen Körper zu glauben.“

Pasolini am Grab von Antonio Gramsci.

Gramscis Asche

Nicht nach Mai riecht diese unreine Luft,
die den dunklen Garten der Fremden
noch dunkler macht oder ihn grell durchzuckt

mit blinden Aufheiterungen… Spuckfadenhimmel
über den gelben Terrassenwohnungen,
die in gewaltigem Halbkreis die Kurven

des Tibers verschleiern, die türkisgrünen
Berge Latiums… Einen tödlichen Frieden,
gleichgültig wie unser Schicksal,

verbreitet der herbstliche Mai zwischen
dem alten Gemäuer. In ihm ist die Eintönigkeit der Welt,
zu Ende geht das Jahrzehnt und mit ihm bricht in Trümmer

unsere echte und arglose Mühe
das Leben neu zu gestalten;
das Schweigen, unfruchtbar, vermodert…

Du Knabe hast in jenem Mai, da Irren
noch Leben hieß, in jenem italienischen Mai,
da zum Leben noch Leidenschaft trat,

viel weniger leichtsinnig und von falscher Gesundheit
als unsere Väter – nicht Vater, sondern demütiger
Bruder – du hast mit deiner dünnen Hand

(nicht für uns: du Toter für uns,
die wir auch tot sind, mit dir, in diesem
feuchten Garten) das Ideal gezeichnet,

das dieses Schweigen erhellt. Du kannst,
begreifst du es?, nur in diesem Ort der fremden
ruhen, noch immer verbannt. Vornehme

Langeweile um dich herum. Verblaßt nur
klingt manchmal ein Hammerschlag zu dir herüber
aus den Werkstätten des Testaccio, verschluckt

vom Abend: zwischen armseligen Schuppen,
nackte Blechberge, Schrotthügel, wo ein lümmelnder Lehrbursch
sein Tagwerk zu Ende singt,

während der Regen aufhört.

Zwischen Hoffnung und stillem Zweifel
tret ich zu dir. Hier stehe ich selber, arm,
im billigen Anzug, wie ihn die Armen


im schäbigen Glanz der Schaufenster bewundern,
gesäubert vom Schmutz der Gassen, der Straßenbahnbänke,
der meine Tage verstört. Und immer karger im Kampf

ums Brot ist bemessen die Freiheit. Und wenn mir die Liebe zur Welt

wird beschieden, ist es nur durch heftige und naive sinnliche Liebe,
doch deine Strenge fehlt mir noch immer.

Des für und wider dich seins zugleich.
Für dich im hellen Herzen,
im dunklen Gedärm wider dich.

Artwork von Hoyul Jeon, 2021

Es ist acht 1/2 zu Nacht. Herr W sitzt mit Herrn M in der Paris Bar, Westberlin. Sie unterhalten sich angestrengt und doch mit Witz.

Herr M
Vor dem Schlafengehen noch einen Kaffee, damit ich schneller träume. Wir sind die Generation, die vom Internet überlaufen wurde. Jetzt stehen wir da mit all den Möglichkeiten und wissen nicht, wohin. Wir wissen nur: Eine Eule heckt keinen Blaufuß. Jede Nacht kommt die Eule heraus und betrachtet den Mond. Der Mond geht auf, der Mond geht unter. Jede Nacht ereignet sich dieses wiederkehrende Schauspiel am Himmel, das immer auch einmalig ist. Wie der Theaterabend oder, oder nicht?

Herr W
Reden wir zu Anfang von etwas anderem, reden wir von alten Zweifeln, die in Vergessenheit geraten sind oder in Entscheidungen verschwanden, denn der Film will dem Theater immer noch ans Leben oder zumindest an die Wäsche. Und das Theater lässt das auch noch zu, sieht nur zu und beharrt des Beharrens halber auf seine Absolutheit. Das Theater ist so etwas, dass durch die Corona-Pandemie eine Chance bekommen hat wieder aufzuerstehen (und sich dadurch endlich vom Zwang, dem Film gerecht werden zu müssen, befreien könnte). Und warum nicht diese Chance ergreifen, sich endlich vom Film zu lösen und die Kamera für seine eigenen Zwecke zu nutzen?

Herr M
Während sich der Film in der Postproduktion entscheidet, entscheidet sich das Theater bereits im Moment des Spielens!

Herr W
Das ist ja fast schon eine Plattitüde. Das kannst du das nächste Mal weglassen. Früher konnte man alles, was man sah, auch anfassen und damit für sein individuelles Verständnis begreifbar machen, außer Gott. Heute gibt es die analoge Welt, Gott und die digitale Welt, also auch den Live_Stream. Wir müssen heute die digitale Welt in unser Verständnis von Realität mit einbeziehen und mitdenken, denn die digitale Welt und ihr BEINAH, schier unendlicher Raum steht noch in den Kinderschuhen.

Herr M
Du meinst wohl: steckt noch in den Kinderschuhen.

Herr W
Jacke wie Hose, so egal ist das. Und damit habe ich als Zuschauender doch das Problem, wie ich einer Live_Stream Aufführung des Theaters gegenüber trete. Natürlich nicht mit der Erwartungshaltung, mit der ich mit einer Johan-Simons-Inszenierung im Schauspielhaus Bochum in ein Verhältnis trete. Es ist etwas anderes und das muss ich als Betrachter akzeptieren, es ist etwas Neues und ich muss es auch als solches behandeln, da macht der Vergleich mit dem bereits dagewesenen, akzeptierten Alten keinen Sinn mehr.

Herr M
Die Katze lässt das Mausen nicht. Ja, willst du denn eine Revolution starten? Mein Amico, ich muss dich bremsen. Wenn du vom Live_Stream im Theater sprichst, dann meinst du damit nicht den notgedrungenen Mitschnitt einer Inszenierung für ein Publikum, das zu Hause im Lockdown sitzt und wartet und wartet, sondern vielmehr die Inszenierung, die extra für einen Stream konzipiert wurde. Verstehen wir uns da richtig?

Herr W
Bingo, voll auf die 12. Als Beispiel möchte ich die Inszenierung Der Zauberberg nach Thomas Mann in der Regie von Sebastian Hartmann am Deutschen Theater in Berlin anführen. Ein Theaterabend, der nicht als Konserve, sondern als einmaliges Ereignis im Live_Stream seinen Ausdruck findet. Man muss doch das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Das alles, was im Live_Stream Theater gerade seinen Ausdruck findet und für uns alte Theaterhasen speziell erscheint, ist doch im Film schon längst allgemein. Halt, nein, der Film stoppt, aber der Live_Stream läuft einfach weiter. Die Welt des Zauberbergs zu verlassen, da ich ein menschliches Rühren verspüre oder noch einen Schnaps brauche, um überhaupt irgendwas zu verstehen, das geht jetzt nicht. Die Gegenwart ist sozusagen die Zeit als bewegtes Bild der Ewigkeit auf meinem Bildschirm vor mir. Die Ewigkeit wird im Theater immer als ein zeitloses Jetzt bestimmt. Das ist doch das Schöne am Theater, dass alles Jetzt, im Moment stattfindet. Ein Mann nimmt einen Schluck Kaffee zu sich, während ein anderer an ihm vorübergeht und mehr noch, noch mehr, eine Handlung überlagert die nächste, zerstört sie, schafft platzt für Neues und alles ist in Bewegung, ALLES.

Herr W nimmt einen Schluck Kaffee zu sich. Er räuspert sich. Ein Fremder, nein, ein Gast geht am Tisch vorbei Richtung Osten.

Herr M
Das ist doch alles blah hub blah. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Vor 20 Jahren mein Lieber, das ist 20 Jahre her, als Katie Mitchell das auch schon begriffen hatte. Ein Hoch auf das Bild, ja. Aber Sebastian Hartmanns Zauberberg profiliert nicht nur durch besondere Ausformulierung von irgendeiner Gegenwart, sondern durch eine spezielle Kommunikation. Zum einen ist hier die Kommunikation zwischen den Akteuren und Akteurinnen interessant, die durch den Text in keinen direkten Dialog untereinander treten, sondern erst durch eine Zusammensetzung der einzelnen fragmentarischen Monologfetzen eine dialogähnliche Form kreieren. Das ist so, als würde man in eine Leere hineinsprechen und hoffen, dass wenigstens das eigene Echo antwortet. Dann aber gibt es die Kommunikation zwischen Akteuren und Akteurinnen und den Zuschauenden über den Live_Stream, die allerdings unidirektional vom Sender in Richtung des Empfängers ist. Hier hat man statt der Leere des Zuschauerraums nur ein Medium vor sich, dass alles Gesagte aufsaugt und man kann nur hoffen, dass es irgendwo anders gehört wird. Oder spricht man zu sich selbst? Wie auch immer. Der Zuschauerraum ist leer, alle sitzen vor ihren Bildschirmen und glotzen. Es ist alles ganz genau kalkuliert. Das, was der Film schon lange nutzt, findet nun im Live_Stream Theater Abend anklang. Die Akteure und Akteurinnen spielen für die Kamera, die in der Rolle des zwischenzeitlichen Zuschauers agiert.

Herr W
Ja genau, der ganze Apparat wirkt jetzt als EIN gleichrangiges Ensemble: Regie, Bühne, Videoanimation, Live_Stream Bildregie, szenisches Video, Kostüme, Licht, Live_Stream Kamera, Head of Stream, Ton, Sendeton, Musik, Dramaturgie und Schauspiel. Manuel Harder stemmt einen Monolog. Die Kamera kommt aus der Totale, geht in die Nahe, wir sehen jetzt jede Pore, den Atem, sehen ihn leiden, sehen was er denkt, fühlt. Die Stimme erklingt ganz klar durch die Mikroports hindurch, auch der Sound stimmt und kommt perfekt abgestimmt durch zu uns, das Licht ist wie auf ihn zugeschnitten, maßgeschneidert ist auch die Traumsequenz auf Video, die ihm Rückendeckung gibt. Alles spielt im Soloflug und kreiert durch die Zusammensetzung das Gesamtkunstwerk der Aufführung, wie im Jazz. Ein perfekter Moment, der sich den Weg über die Kamera bis in das Wohnzimmer der Zuschauenden bahnt. Lange Rede, kurzer Sinn: Man ist das gut.

Herr M
Na ja, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Aber das ist so gut, es ist SOO gut. Die technischen Möglichkeiten des Films für das Theater nutzen – für ein Neues Theater, ein Theater für alle, ein Theater des Live_Streams. Wie dem auch sei, man wird darauf zurückkommen. Denn man fängt gerade erst an über ein Neues Theater, ein Theater, das den Live_Stream akzeptiert und als Chance für eine Erneuerung anerkennt, Unsinn zu verzapfen. Ich mache den Anfang. Es ist mir eine Ehre.

Die Herren bestellen noch zwei Konyagi, trinken diese in einem Zug und verabschieden sich dann mit der Floskel „Wir bleiben in Touch“ voneinander.

Video und Stimme: Marlon Bienert

Marlon Bienert ist Schauspieler und Videokünstler. Er studierte Architektur an der TU München und beginnt demnächst sein Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg-Schule.

„Football is the last sacred ritual of our time“ – Pasolini

Zitat aus einem Gebet von John Waters am Grab Pier Paolo Pasolinis, der heute vielleicht seinen 100. Geburtstag feiern würde, wäre er nicht ermordet worden:

I believe in Pasolini, the filmmaker almighty/
Creator of Salo and Mamma Roma/
Who was conceived by Marx, born of the future spirit of Maria Callas/
Suffered under the catholic church/
Was assassinated and buried unguilty/

https://johnwaters.bandcamp.com/track/prayer-to-pasolini

Jannik Mioducki and Inés Efron: Herzstück (2019)

Das erste Mal habe ich mich mit dem Herzstück von Heiner Müller während meines Schauspielstudiums an der Otto-Falckenberg Schule beschäftigt. Damals aber auf der Bühne. Für mich liegt der Reiz des Stückes darin, dass in sehr wenigen Sätzen eine sehr komplexe Beziehung zwischen den Figuren „Eins“ und „Zwei“ erzählt wird. Daher auch die spätere Entscheidung für den Kurzfilm. Metaphorische Redewendungen wie „darf ich ihnen mein Herz zu Füßen legen“ werden dabei in einen Dialog gesetzt und dadurch zu konkreten Bitten, Antworten oder Fragen. Aber hierbei liegt auch die große Schwierigkeit. Wie soll ich so einen lyrischen, abstrakten Dialog auf die Bühne oder vor die Kamera bringen?! Wie stelle ich eine Operation am Herzen dar? Die vermeintliche Einfachheit des Dialogs wird dabei zur großen Herausforderung. Weil die Räume hinter den einzelnen Sätzen immer größer zu werden scheinen, wenn ich versuche, sie in etwas Konkretes umzusetzen. Deshalb sollten die Sätze Sätze bleiben. Wir haben uns entschieden, möglichst neutral zu sprechen. Also ohne großen schauspielerischen Zusatz und durch die Einfachheit im Sprechen, möglichst konkret werden. Die Versuche, an das Herz zu gelangen, sollten rein körperlich stattfinden. Fast wie ein Spiel zwischen Kindern. Dabei war uns aber wichtig, ganz ernst in diesem Spiel zu bleiben. Dass die „naiven“ Versuche wie Schütteln oder mit der Hand das Herz durch den Mund zu befreien, auch wirklich so versucht werden sollten. Das letzte Bild sollte die Besonderheit der Beziehung zwischen „Eins“ und „Zwei“, die wir zuvor erlebt haben, wieder auflösen. Nach der Strophe von Pink Floyd „You are just an other brick in the wall“ sollte so aus dem einzelnen Herzen mit anderen Herzen die Terrasse, die Stadt, der Ort des Geschehens und anderen Beziehungen entstehen.

Jannik Mioducki machte 2017 seinen Schauspiel-Abschluss an der Otto-Falckenberg Schule. Danach entschied er sich nach Buenos Aires zu gehen, um die Film- und Theaterszene in einem anderen Land kennenzulernen. Zurück in Deutschland gastierte er in zwei Produktionen der Münchner Kammerspiele sowie am Stadttheater Erlangen. Außerdem ist er festes Mitglied im „Traumschüff“ Kollektiv und führte in Kooperation mit dem Zentrum für politische Schönheit bei der Aktion „Wo sind unsere Waffen“ Regie. Mit „MAMA“ verwirklichte er im Februar 2021 sein drittes Kurzfilmprojekt und im Sommer 2021 spielte er seine erste Hauptrolle in dem Langspielfilm „D.E.I.N. – das esse ich nicht“ (AT) von Katherina Huber.

https://www.instagram.com/jannikmioducki/?hl=de

Der Wunsch bevor seiner Löschung in der nächsten Einstellung: Chris Markers Sans Soleil (1983)

WUNSCH

ALEXANDER KLUGE: Man muss nämlich unterscheiden zwischen der unwirklichen Realität, in der wir alle leben, und dem Originalton der verlorenen Geschichte, die sich ungewöhnlich und erhaben äußert. In ihr sterben die Verbrannten und Ermordeten nicht, sondern stehen am Ende auf und brechen als Sturm los. Ich kann an dieser wirklichen Wirklichkeit sterben. Sie ist aber nicht wirklich. Sie ist nicht das Ganze. Sehen Sie, in der Grammatik haben wir in der Antike, in Griechenland, den Opdativ, nochmal eine eigene grammatische Form: die der Wünsche, und die sind so real wie die Wirklichkeiten. Und wenn gewissermaßen ungerächt getötet wird – mit Ä, nicht gegen das Recht, sondern ohne Rache zu haben – jemand stirbt, dann wird er nicht gestorben sein. Das sagen zu uns die Rabbinen in Babylon im Talmud, und das sagen alle Testamente, und das sagt eine Ahnung in den Menschen. Wir sind in der Evolution als Menschen übrig geblieben, weil wir glauben, dass es etwas mehr gibt, als die Rechte des Siegers und das Unrecht des Verlierers. Und ein Verlierer muss nicht gerechter [gerächter?] sein als der Sieger. Alle diese Dinge, die wissen ganz einfache Leute. An der Theke in Oberhausen finden sie das genauso wie an der Theke in der Unterstadt in Halberstadt. Als Gewissheit, dass es etwas gibt, außerhalb der direkten, benennbaren Realität, die wir für wirklich halten, das ist der Anti-Realismus des Gefühls, und das ist der ganze Grund, warum ich Geschichten schreibe.

Ich würde ja sonst nur Filme machen, aber der Film kann diese Seite nicht ausdrücken, denn das ist leider der Kamera nicht ohne Weiteres zugänglich. Kamera hat magische Momente, kann sie auch aufnehmen, kann ihr aber seltsamerweise im Film keine Dauer verleihen. Das hat nichts zu damit, dass sie es [grundsätzlich] nicht kann, oder, dass mir es nicht einfallen könnte oder Werner Herzog oder den Großen, die immer Momente dieser Wirklichkeit der spirituellen Welten aufgefasst [haben]. Das wird aber schon in der nächsten Einstellung gelöscht.
[1]

TATSACHE

ALEXANDER KLUGE: Also mein Vater ist ein guter Erzähler. Und was er so erzählt, prägt sich ein. Und das sind immer so Momentaufnahmen. Das heißt also, ich kenne Schnee mit eigenen Augen nicht so gut, wie den aus den Erzählungen meines Vaters, wenn er auch unter Übertreibung schildert. Wie man dann zu entlegenen Siedlungen spät am Abend noch laufen muss. Da mag manches geflunkert sein, aber es ist dicht in der Erzählung.

INTERVIEWER: Hat sich diese Art des Erzählens auf Sie übertragen?

ALEXANDER KLUGE: Das weiß ich ja nicht. Meine Mutter kann auch erzählen und ich erzähle nicht nur so, wie mein Vater. Meine Mutter ist ein vollkommener nüchterner, englischer Geist. Und woher die Erzählform kommt, dass weiß man nicht genau. Meine Großeltern mütterlicherseits und davon die Vaterseite, die kommt aus dem Eulengebirge. Das ist da, wo Karl May geboren wurde, das ist da, wo der Weberaufstand war, da, wo man sich verstellen muss. Und wenn man zum Beispiel Rekrut ist auf der anderen Seite und zugesehen hat, wie die Weber massakriert werden, dann ist man besonders vorsichtig. Und wenn man hinterher königstreu ist und Unteroffizier oder eine Kneipe in Köpenick leitet, dann dient man zwar, aber im Innern sind noch die Wahrnehmungen von vorher. Und das heißt, dieser Mensch wird eine Maske tragen. Meine Familie hat die Eigenschaft, das sie – von dieser Seite her gesehen – wenn sie auch nur flunkert, grinsen muss. Das heißt, es ist irgendwie eine Unfähigkeit zu lügen herausgekommen aus dem Zusehen der Unterdrückung. Das ist auch eine Erzählung. Und die geht anders, die geht nüchterner, die übertreibt nicht, die lebt nicht von der Oper sondern die lebt von den Tatsachen. Und ich glaube, dass ich zwischen diesen beiden Teilen gewissermaßen gespalten bin. Einerseits sachlich, dokumentarisch, alles das interessiert mich sehr, und ich könnte ohne das nicht leben, es müssen Tatsachen sein; und gleichzeitig: Tatsachen alleine müssen erlöst werden von der menschlichen Gleichgültigkeit, das heißt, die Wünsche sind die zweite Natur. Und diese sind die Erzählform meines Vaters. [2]

[1] „30. April 1945“ von Alexander Kluge, Bayerischer Rundfunk
[2] „Alexander Kluge“ – Ein Portrait, Bayerischer Rundfunk


IRONIE

Standbild aus Scorseses King of Comedy (1982)

PUBLIKUM: Sehen Sie in der Kunst und in künstlerischen Ausdrucksformen ein Potential zu einer Veränderung [unserer] Situation im positiven Sinne?

JOSEPH VOGL: Also wenn ich Ja sage, dann hängt das natürlich mit einem bestimmten Optimismus – man könnte sagen: Berufsoptimismus – zusammen, der darin besteht, dass bestimmte Formen von Analysen nicht konsequenzlos bleiben, das heißt also, dass Analysen immer eine offene Brücke in mögliche Praxis bedeutet. Und vor diesem Hintergrund würde ich sagen: Ja. Kunst im weitesten Sinne, ich habe im wesentlichen Literatur im Kopf, kann dazu beitragen und das Musilsche Argument lautet ganz einfach, dass es zwei völlig unterschiedliche Formen der Ordnungen mentaler Welten gibt. Auf der einen Seite operiert man auf theoretischen Gebiet mit Allgemeinbegriffen, man operiert mit Gesetzmäßigkeiten, alles was haltbare Theorien benötigen: Gesetzmäßigkeiten, Begriffe, die in irgendeiner Weise konstant sind, einen Großteil von Phänomenen unter sich subsumieren können.

Das wäre die eine Seite – und [dann gibt es noch] die andere Seite, die Musil für die Literatur stark macht. Er sagt, es gibt eine Intelligenz, die sich nicht an Gesetzmäßigkeiten hält, die sich nicht an Allgemeinbegriffe hält, sondern die Singularitäten untersucht, wo Gemeinbegriffe scheitern, wo Gesetzmäßigkeiten nicht mehr erkennbar sind. Und genau diese Situation aufzusuchen, in denen man vom Hundertsten ins Tausendste gerät, in denen der Weg der Analyse nie abschließbar ist, in denen Tatsachen, die für gegeben scheinen, unübersichtlich werden, das ist das Feld der Kunst, der Literatur. Und das ist das rasante Theorieangebot von Musil.


Man könnte es vielleicht auch nochmal anders formulieren, auch das kann man von Musil lernen: man kann nach Geisteshaltungen fragen. Wie kann man sich selbst zu bestimmten Geisteshaltungen fügen? Und da würde ich sagen, gibt es zwei verschiedene Zugangsweisen. Die eine Zugangsweise – und das ist interessant, diese Zugangsweisen definieren sich über ein Verhältnis von Problem und Lösung oder Frage und Antwort, wie verhält man sich dazu – die Pessimisten, eine bestimmte Geisteshaltung, die beschäftigen sich mit Problemen, die sich nicht lösen können. Es gibt zweitens die Optimisten – dazu gehören sehr viele Technikwissenschaftler, Naturwissenschaftler – die beschäftigen sich mit den Problemen, die sie mit höchster Wahrscheinlichkeit lösen können. Und es gibt drittens – und dazu würde ich mich vielleicht in irgendeiner Weise zählen – Ironiker, man könnte es Ironiker nennen, die interessieren sich nicht für die Lösungen von Problemen, sondern sie interessieren sich dafür, für gegebene Antworten und für gegebene Lösungen die entsprechenden Fragen und Probleme zu erfinden. Das wäre eine weitere Geisteshaltung. Ich glaube auch Musil ist ungefähr in diese Richtung gegangen.


NAHAUFNAHME

Standbild aus Cronenbergs Videodrome (1983)

PUBLIKUM: Wenn man guckt, welche Organisationsformen gab es in der Vergangenheit, Gewerkschaften, Genossenschaften, was auch immer, Kollektive in jeglicher Form, aber irgendwie das Gefühl hat, dass sie mit Prinzipien und Methoden arbeiten, die einem anderen Markt entsprangen, und mal aktualisiert werden [müssen], nicht mehr zeitgenössisch sind in dem Sinne. Und deswegen ist es einfach so die Frage, ob ein soziales Netzwerk auch zum Teil an diese Stelle getreten ist als Dialogform, als Zusammenschluss zwischen den einzelnen KämpferInnen auf dem Arbeitsmarkt, überhaupt erst das zu kreieren, wovon man dann loslaufen kann.

JOSEPH VOGL: Ich hab jetzt dafür, abgesehen von den Vorschlägen, die sie alle kennen – ich muss jetzt keine offenen Türen einrennen – das heißt also, es gibt also althergebrachte Lösungen, die, nur weil sie althergebracht sind, nicht obsolet bleiben. Also wie Genossenschaftswesen, etc. Es gibt andere Formen der solidarischen Organisation, die man eben auf dem ganzen Gebiet – denken Sie an die Zeit Herbst 2015, was man alles erlebt hat, was eben beispielsweise vor dem Hintergrund der Migrantenzahlen passiert ist an sozialer Organisation, an Ehrenamtlichen oder weiß Gott was – da haben Sie ganz elementare Beispiele, von Selbsthilfegruppen über Beratungsagenturen bis hin tatsächlich zu Leuten, die sich privat zusammentun, um tatsächlich sozial erfinderisch zu sein. Ich glaube da müsste ich nicht weiter machen.

Ich müsste erst einmal eine negative Antwort geben, weil sie mich in irgendeiner Weise beschäftigt und bedrückt oder so was. Ich glaube es war Frederic Jameson, also dieser linke Literaturwissenschaftler aus den
Vereinigten Staaten, der einmal gesagt hat, man kann sich heute eigentlich das Ende der Welt eher vorstellen, als das Ende des Kapitalismus. Und ich glaube das zielt auf eine ziemlich schmerzhafte Seite in unseren Mentalitäten, nämlich, dass unsere politische Einbildungskraft irgendwie sklerotisch [unter Sklerose versteht man eine Verhärtung von Organen oder Gewebe durch eine Vermehrung des Bindegewebes] geworden ist. Lassen sie mich schärfer formulieren: die Ideen, die wir haben – also wenn man sich wirklich mal in den eigenen Imaginationsraum setzt und merkt, dass alle Fenster verschlossen sind, dass es irrsinnig schwer ist, Fenster aufzustoßen, zum Beispiel im Verhältnis zum 19. Jahrhundert, in dem alle möglichen Leute alle möglichen Ideen hatten – dann liegt es daran, die eine Seite haben Sie genannt, dass wir mit überkommenen, veralteten Konzepten und Imaginationen, die wir versuchen, wiederzubeatmen, also sozusagen die untoten Seiten der politischen Einbildungskraft, und auf der anderen Seite alle anderen Einbildungsformen irrsinnig schnell marktförmig sind, Warencharakter haben, also zwischen diesen beiden Extremen sind wir ein bisschen hilflos. Ich will das nicht als Antwort stehen lassen, muss es aber glaube ich so stehen lassen, weil ich befürchte, es artikuliert exakt meine eigene Hilflosigkeit dabei. Also ich denke, es ist irrsinnig schwierig oder irrsinnig kompliziert oder irrsinnig umständlich aus der Marktförmigkeit der eigenen Einbildungskraft irgendwie herauszukommen und deswegen nimmt man im Zweifelsfall bei veralteten Warenhütern noch einmal Zuflucht.

PUBLIKUM: Haben Sie vielleicht auch eine Idee wie wir die Einbildungskraft fördern können?

JOSEPH VOGL: Es gibt in der Pädagogik der Einbildungskraft, würde ich sagen, eine ganz, ganz wesentliche Maßnahme, die dazu beiträgt oder dazu hilft und das heißt: genau hinsehen. Also bei Gegenständen, bei Phänomenen verweilen. Ich glaube je genauer man Gegenstände, Phänomene, welche Art es auch immer sein mag, ansieht, desto mehr fällt einem zu diesen Gegenständen ein. Der schlechteste Weg wäre auf Totalen, auf Gesamtbildern, auf Gesamtzustände Bezug zu nehmen. […] Das genau Hinsehen ist eine Arbeit, die sich nicht spezialisieren lässt, also genau hinsehen heißt nicht, als Markforscher hinsehen, als Literaturwissenschaftler hinsehen, heißt nicht, als Gewerkschafter hinsehen, sondern heißt alle möglichen intellektuellen, seelischen Kapazitäten mobilisieren, um eine Sache zu erfassen. Auch das ist eine Sache, die man bei Musil lernen kann. Man könnte es Perspektivismus nennen, ausgehend von der Unterstellung, dass eine Sache nie von einem, aus einer Perspektive, mit einem Vermögen, sei es Bewusstsein oder Emotion oder wie auch immer, erfassbar wird. Das meine ich damit: Gegenstände in den Blick zu rücken und die Perspektiven darauf zu vervielfältigen unter der Umgehung einer spezialistischen oder expertenhaften Reduktion. Und da wäre das Ästhetische natürlich mit dabei.*

Lars Dreiucker Interviews, Joseph Vogl, 1.4.2017, Deleuze. Post Scriptum, Wiederholung/ Revolution.


*Eine mögliche Querverbindung zu Leo Geislers ‚Bauanleitung für einen Jungen Film‘ (zum Download als PDF unter Identität)?

Nähe: Von der Sache selbst muss ausgegangen werden. Aus dem Besonderen/Alltäglichen/Persönlichen lassen sich Rückschlüsse auf das Allgemeine induzieren. Es ist die Aufgabe des Subjekts sich an das Objekt anzuschmiegen. Ein Film, der verkehrt herum verfährt, ist Reklame. So erklärt sich auch der Film, der seinen Zeigefinger hebt, und der Film, der bemitleidet.

Distanz: Der Einfühlungsfilm verstellt den Weg zum Konkreten. Der psychologische Ansatz entspricht den großen Narrativen des 20. Jahrhunderts, in denen jede Handlung mit einer Bedeutung besetzt ist, einem Anachronismus also. Die ironische Ambiguität, das Unerklärliche, das Suchende entsprechen unserem brüchig gewordenen Jahrhundert. Markov schreibt: Unsere unfertige Gesellschaftsordnung kann kein fertiges Geschichtsbild haben. Sie kann nur Wege weisen. Wege, die sich nicht selbst anbieten, die man suchen muss, behaftet mit dem Risiko der Umwege, ja Irrwege. Gleiches gilt für die Mikro-Geschichten der filmischen Erzählweise. Die lange Einstellung ist die Freundin der Suche.

Louis Gering verleiht die goldene Essiggurke an die wichtigsten Filme des letzten Jahres

Theoretisch stand das Kino letztes Jahr mit einem Bein im Grab. Die Türen zu den großen Leinwänden waren oftmals verschlossen und der Produktionsstau verhieß einen Action-Blockbuster nach den anderen in die Kinos zu spülen anstatt Platz für Filmkunst. Doch rückblickend war es ein Jahr mit einer unglaublichen Fülle an Kinoerlebnissen, die mir Hoffnung schenken. Deswegen beziehe ich hier Stellung zu den 10 wichtigsten Filmen des letzten Jahres. Eine salzige Empfehlung:

10. Lamb (Vladimir Jóhannsson, A24)

Diesen Film sollte man mit so wenig Vorwissen wie möglich zum ersten Mal sehen. Nur so kann sich die volkstümliche Magie in den weiten Landschaftsbildern von Island entfalten. So viel sei aber verraten: Ein Wolf im Schafspelz ist nichts gegen dieses Lamm.   

9. Malcolm and Marie (Sam Levinson, Netflix)

Während alle noch auf ihren Glitzerfingernägeln herumkauten und auf die Fortsetzung seines Serienhits Euphoria warteten, schüttelte Sam Levinson zwischendurch noch schnell ein filmisches Feuerwerk aus seinem Ärmel. John David Washington und Zendaya sind in diesem Kammerspiel zwei Naturgewalten, die aufeinanderprallen. Und man kann nicht wegsehen. In vielen Momenten erinnert diese Tour de Force an Who is Afraid of Virginia Woolf. Ähnlich wie mit Richard Burton und Elizabeth Taylor verfolgen wir hier eine Beziehungskrise, die innerhalb einer Nacht einen Marathon an Streitthemen zurücklegt. Zugegebener Weise besitzt der Film etwas zu viel Selbstbezogenheit. Manchmal weiß man nicht, ob der egomanische Filmregisseur, den Washington verkörpert, absichtlich ein überzeichnetes Arschloch ist, oder ob Sam Levinson sein eigenes Genie an die Wand malen wollte. Doch solange Zendaya und Washington all das so verdammt gut rüberbringen, kann ich nicht umher zu schreien: Ich will ein Kind von euch!

8. Lieber Thomas (Andreas Kleinert, Wild Bunch)

Eine Filmbiografie über einen anderen Filmemacher auf die Leinwand zu bringen birgt viele Gefahren. Wie vermengt man das gesamte Leben eines Illusionisten in einer eigenen Illusion? Doch dieses Biopic über den DDR-Filmemacher und Autoren Thomas Brasch geht den meisten Fettnäpfchen gekonnt aus dem Weg. Brasch war einer, der nirgendwo hineinpasste und auch nirgends hineinpassen wollte. So wird es jedenfalls erzählt. Der historische Bezug, die Sets, Kostüme und freie Schnauze der Schauspieler*innen, sind alle schön und gut. Doch was diesen Film besonders macht, sind die nahtlosen Übergänge zwischen historischer Realität und den Fantasiewelten des Protagonisten. Lieber Thomas verfällt so niemals der Nostalgie einer vergangenen Zeit, sondern zeigt ausdrucksstark, dass es immer die Vorstellungskraft von einigen wenigen Träumern und Verrückten war, die einer bestimmten Zeit Bedeutung verleiht.

7. Fabian, oder der gang vor die Hunde (Dominik Graf, DCM)

Dominik Graf verfilmt Erich Kästners Roman so verspielt und experimentierfreudig, das man sich in den ersten Minuten des Filmes an die wilden Schnittgewitter zwischen Super8-Aufnahmen, Theaterbühnen und Kamerafahrten erst mal gewöhnen muss. Doch genau so wird man hineingezogen in die Welt von Fabian, für den die Welt um sich herum wenig Sinn ergibt. Fabian flaniert durch eine ähnlich politisch aufgeladene Zeit wie der heutigen in einem Berlin, das oftmals absichtlich genauso aussieht wie 2021 anstatt 1930. Dominik Graf schafft es somit die Vergangenheit nicht nur zu dokumentieren, sondern sie als lebendiges Mahnmal zu inszenieren. Die erste Plansequenz des Filmes bleibt hier besonders im Kopf — die Kamera bewegt sich durch einen modernen Berliner U-Bahnhof an Menschen mit iPhones und Kopfhörern vorbei, die Treppe hoch, bis die ersten Passanten im historischen Kostüm an einem vorbeilaufen und man hinaus in das Berlin der 1930er tritt. Jeder Schritt, ein Spagat zwischen heute und gestern. 

6. Azor (Andreas Fontana, Mubi)

Andreas Fontanas Debütfilm ist ein stiller Thriller, der unter die Haut geht. Es ist eine reife Milieustudie über die schattenhafte Welt der internationalen Privatbankiers in Argentinien im Jahre 1980. Diese Privatbankiers sind die Strippenzieher des Kapitals. In den Luxushäusern der Reichen und Schönen sind sie der Realität aber so fern, dass die Militärdiktatur der 80er als bloßer Hintergrund jegliche Bedeutung verliert. Mit dem namenlosen Protagonisten bewegen wir uns auf der Suche nach seinem verschwundenen Kollegen in eine Abwärtsspirale des Wahnsinns. Apocalypse Now trifft auf The Godfather, nur trägt der Pate hier einen Aktenkoffer anstatt eines Revolvers. 

5. The French Dispatch (Wes Anderson, Searchlight Pictures)

Sich in einer ausverkauften Vorstellung von diesem Film umzusehen, war wie als würde man in ein Wes Anderson Museum blicken. Überall hip and quirky Charaktere. Mit The French Dispatch sind Wes Andersons farbrohe und hochstilisierte Filmwelten also endgültig zu einem Kinoerlebnis geworden. Und das zu Recht. Jedes Bild sprüht nur so mit kreativem Spielwitz über. Es ist als würde man jede Millisekunde mit einem perfekt gemalten Tableau beschossen. Doch anders wie in Grand Budapest Hotel ist das diesmal nicht ein leeres Spektakel. Hier entfaltet sich ein Geschichtenerzähler rührend in einer Ode an das Geschichtenerzählen. 

4. The Green Knight (David Lowery, A24)

In diesem Art-House Fantasy Blockbuster verbindet David Lowery die vielen Gegensätze, die seine bisherigen Filme so einzigartig machten, zu einem großen Gesamtwerk. Die ritterliche Moral, ein Held zu sein, treibt Dev Patel dazu, Abenteuer zu bestehen, die seinen Anforderungen an sich selbst immer weiter verqueren. Basierend auf einem mittelalterlichen Gedicht löst sich dieser Ritterepos von allen Erwartungen und bannt etwas Zeitloses auf die Leinwand.

3. Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? (Alexandre Koberidze, DFFB)

In seiner “Bauanleitung eines Jungen Films” hat Leo Geisler für Filmdämmerung geschrieben “Es so zu sagen, wie es ist, heißt die bestehende Welt verfestigen. Dabei muss sie doch verflüssigt werden”. Und genau das tut dieser märchenhafte Film von Alexandre Koberidze. Alltägliche Szenen in einer georgischen Kleinstadt werden mit solcher Magie inszeniert, das sich die letztjährige Berlinale zu recht verzaubern hat lassen. Was man sieht, wenn wir in den Himmel schauen bleibt zwar unbeantwortet, aber durch diesen Film schaut man wie ein Kind auf unsere Welt. 

2. Annette (Leos Carax, Alamode)

Von der ersten Sekunde an bebt man im Takt eines jeden Liedes mit, das dieses Musical so spielerisch leicht inszeniert. Trotzdem fühlt man sich nie sicher, ob Leos Carax die von den Sparks-Brüdern geschriebenen Songs persifliert oder todernst nimmt. Noch nie kam kitschiger Pop den menschlichen Abgründen so nah. Und die beste Sexszene des vergangenen Jahres geht auch ganz klar an Annette — ich meine, wer kann zu Adam Driver und Mario Cottillard Nein sagen? Vor allem wenn beide während der Sexszene nackt und verschwitzt “We love each other so much” singen.

1. Titane (Julia Ducournau, Neon)

In einigen Kinovorstellungen dieses Body-Horrorfilmes soll sich schon übergeben worden sein. Kann es ein cooleres Kompliment für einen Film geben? Die körperlichen Reaktionen, die Titane jedenfallsfähig ist auszulösen, sind aber nichts im Vergleich zu der unglaublichen Emotionalität, mit der jeder Moment aufgeladen ist. Ducournau hat hier eine neue Filmsprache ins Leben gerufen, die eine so gewaltige Gefühlswelt nach außen kehrt, dass die Realität in ihrem Angesicht erschaudert. Es ist ein solch mutiger Film, dass es genauso großen Mut erfordert, sich ihm zu stellen. In meinen Augen ist es genau diese Art von Zuschauerschaft, die das Kino von morgen schaffen muss.

Hinter den Kulissen der jährlichen Verleihung der goldenen Essiggurke. Ein Programm des Deutschen Filmförderfonds. Diesjähriger Host: Sven Ritter

Abfuhr per Telefon in Scorseses Taxi Driver (1976).

Anfang 2020, kurz bevor das Virus nach Deutschland schwappte, produzierte ich eine Handvoll Bewerbungen für ein Filmregie-Studium an sechs staatlichen Hochschulen: Filmakademie Ludwigsburg, HFF München, Hamburg Media School, Babelsberg, Filmakademie Wien und DFFB. Endlich Ernst machen mit dem ganzen Film-Ding. Meine Bewerbung an der DFFB schickte ich im letzten Moment dann doch nicht ab, da sie meine zweite – also letzte – Möglichkeit verkörpert hätte, an der für mich legendären Institution zu studieren. Zudem stimmte beim Dreh wohl irgendwas mit dem Shutter Speed nicht.[1] Dabei hatte ich die 30€ Bewerbungsgebühr bereits überwiesen. In Wien und Babelsberg[2] wurde ich direkt abgelehnt. Einladungen zum Eignungstest erfolgten in Ludwigsburg, München und Hamburg. Ich spekulierte, dass wohl ungefähr die doppelte Anzahl an Bewerber*innen pro Prüfung eingeladen werden würde. Die Stochastik lehrt bekanntermaßen, dass die Wahrscheinlichkeit, bei drei Münzwürfen mindestens einmal Kopf zu erwischen, 87,5% beträgt. Insofern die Götter also nach Zufallsprinzip entscheiden würden, stünden die Chancen ziemlich gut – so meine Rechnung. Spoiler: geklappt hat es nirgendwo. Vielleicht bad luck. Vielleicht bin ich ganz gut darin, vielversprechende Bewerbungsmappen zusammenzustellen, wirke dann in Person aber irgendwie inkompetent. Wahrscheinlich waren die anderen Mitstreiter*innen einfach talentierter und verdienten den Platz an der Sonne mehr als ich.

Gründe für eine Abfuhr lieferte ich mit einer an Selbstsabotage grenzenden Sturheit jedenfalls genug. Für die Aufgabe, einen 5-Minüter in 72 Stunden zu drehen, reichte ich, Augenringe bis zum Kinn, da Anschlusszug dank Verspätung verpasst, also auf den Nachtzug ausweichen müssend, einen knapp 8-minütigen Kurzfilm ein, dessen erste Hälfte das Komitee „an die Leichtigkeit von Éric Rohmer“ (ich werde ganz rot) erinnerte, dessen zweite Hälfte es sich jedoch aus Fairness-Gründen nicht ansah. Das nächste Eignungsgespräch empfand ich als regelrecht unangenehm. Zuvor wurden wir Möchte-Gern-Filmschaffenden dazu aufgefordert, ein paar Seiten Skript zu verfilmen, in dem sich zwei Elternteile gegenseitig beschuldigen, für den drogeninduzierten Ertrinkungstod ihres Kindes verantwortlich zu sein. Ich konnte absolut gar nix mit dem Drehbuch anfangen, fühlte mich inhaltlich an eine Seifenoper erinnert und empfand wirklich nicht die geringste Lust, den klischeebehafteten Dialog zu inszenieren. Vollkommene Blockade. Der einzige Ausweg schien mir, das Buch als Spiel im Spiel aufzuziehen: als eine Sitzung beim Paartherapeuten, i.e. dem Regisseur, mir, in welcher die beiden Elternteile, mittels des vorgegebenen Stoffs, die Kältewüste zwischen ihnen zu durchqueren versuchen, letztendlich aber natürlich aus den ihnen zugewiesenen Rollen fallen, um über das eigentliche Thema, eine Abtreibung, zu sprechen. Der Film ist – siehe unten [B] – dank der tollen Schauspielleistungen meiner Filmfreund*innen Cosmea Spelleken (Regie, Wien) und Aart Steinmann (Alumnus Drehbuch, DFFB) in meinen Augen ziemlich gut geworden. Ob das Auswahlkomitee mich lediglich in die nächste Gesprächsrunde ließ, um mir meine Arroganz heimzuzahlen, weiß ich nicht. Vielleicht fanden sie das Filmchen auch tatsächlich spannend.

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INT. – LEOS WG-ZIMMER – DAY

LEO (Anfang/Mitte 20) sitzt vor seinem Laptop. Auf dem Bildschirm: die Miniaturversionen von den drei Männern, welche über sein Schicksal entscheiden. Einer von ihnen, DER EWIGE (Schöpfer des Kosmos, also mindestens 13.799±0.021 Milliarden Jahre alt), trägt eine schwarze Sonnenbrille, hängt apathisch in seinem Bürostuhl und scheint allgemein desinteressiert.

DER EWIGE
„Warum wollen Sie [bei uns] studieren?“

LEO
„Ich begebe mich natürlich auf dünnes Eis, weil ich lediglich einige der Trailer von den Studi-Filmen auf Ihrer Website geschaut habe, aber ich bin ein Anhänger des deutschen Autorenfilms.“

DER EWIGE
„Da begeben Sie sich nicht nur auf dünnes Eis, sondern sind bereits im kalten Wasser. Sowas machen wir hier nicht.“

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Fair enough: meine Recherchen waren offensichtlich recht lückenhaft. Grundsätzlich ist es wohl nie ein gutes Zeichen, in einem Auswahlgespräch zunehmend so irritiert zu sein, dass man gegen Ende („Haben Sie noch irgendwelche Fragen?“) die Frage nach dem Zweck des Gesprächs als solchen stellt, nun, da die Inkompatibilität zwischen Institution und Selbst so offen klafft. Ein offizielles Ablehnungsschreiben erhielt ich nie.

2021 versuchte ich es wieder. Diesmal nur in Babelsberg. Ich wollte nicht weg aus Berlin und die DFFB nahm, aufgrund von Corona, für ein Jahr keine Neuzugänge auf. Abermals wurde ich eingeladen. Abermals wurde ich abgelehnt. Diesmal mit den Worten: „In einem anderen Jahr hätte es vielleicht geklappt, wir waren selbst überrascht.“ Ein anderer Dozent fügte hinzu, dass es an seiner Bewertung für die von ihm betreute Aufgabe gelegen hätte (irgendwie sadistisch, aber irgendwie auch ehrenhaft), ich aber bestimmt sehr klug sei. Ich glaube, er sagte dies aufgrund meiner recht auffälligen Hornbrille. Wie auch immer. Meine Mitbewerber*innen waren tatsächlich alle sehr nett und auch bestimmt sehr fähig. In der Retrospektive bereue ich es lediglich, in der Reflexion zu meiner Inszenierungsaufgabe gesagt zu haben, dass ich mir die Szene wie aus einem Film von Cassavetes vorstelle, woraufhin eine Prüferin entgegnete, dass Cassavetes für sie Gott ist. Naja. In der S-Bahn zurück nach Berlin freundete ich mich dann mit einem weiteren Mitbewerber, s/o Gabriel G., an (wir kamen auf die Frankfurter Rapper Celo & Abdi zu sprechen). Er kam dann noch mit zu mir und wir aßen eine Pizza auf unserem Balkon. Es war Sommer. Ich trank viel Weißweinschorle, erst mit ihm, dann mit meiner WG. Am nächsten Tag hatte ich einen Kater.

Mittlerweile verfüge ich über so etwas wie eine ironische Distanz zu meinen Filmhochschul-Bewerbungen, nehme die Zurückweisungen nicht so hart, bin ummantelt in einen Wattebausch der institutionellen Verachtung und versuche meine persönlichen ‚Probleme‘ in einem allgemeinen Kontext, e.g. als solche der imaginären Sorte zu verstehen. Aber ich bin letztendlich doch Subjekt, ein Ich, das seine Wünsche im Rahmen seiner Lebenswelt strukturiert, trotz des abstrakten Bewusstseins meiner Privilegien. Einzig der Gedanke, dass ein Studium an einer Filmhochschule noch lange kein Garant ist für die Möglichkeit, einen Langspielfilm zu machen, ein Langspielfilm noch lange kein Garant ist für einen zweiten, verunsichert mich. Mit anderen Worten: wie soll ich bloß ein Publikum, irgendeine Form der fragmentierten Öffentlichkeit von meinen Filmen überzeugen, wenn ich es noch nicht einmal schaffe, ein Auswahlkomitee an einer Hochschule für mich einzunehmen, die Gatekeeper meilenweit vor der wirklich engen Stelle des Flaschenhalses bereits mit dem Kopf schütteln? Dabei nimmt Kino doch eine so zentrale Rolle in meinem Alltag ein. Dabei bin ich doch eigentlich davon überzeugt, dass mit genügend Entschlossenheit beinahe Alles möglich ist. Und doch mache ich keine Nachtschichten als Schweißer in einer Stahlfabrik, um meinen ersten Film zu finanzieren, wie Werner Herzog es tat. Und doch gehe ich nicht an die Diamantbörse in Antwerpen oder stehle in drei Wochen 4000$ aus der Kasse eines Sexkinos auf der 55th Street, wie Chantal Akerman es tat.

Wieso eigentlich nicht?


Beweisstück [A]

Beweisstück [B]


[1] Für den 3-Minüter zum Thema „Liebe“ filmte ich meine Großeltern. [A]

[2] Während mir zwei, drei Jahre zuvor in dem Multiple-Choice-Ablehnungsschreiben noch attestiert wurde, dass meine Fähigkeiten „nicht vorhanden“ seien, waren sie nun immerhin „nicht ausreichend vorhanden“.