Phantombild eines unsichtbaren Fahrers: 

Setz dich niemals in ein Auto, wenn Claude Lelouch am Steuer sitzt. Sein Kurzfilm “C’était un rendez-vous” dient hierfür als beste Warnung. In knapp neun Minuten rasen wir in einer einzigen Einstellung mit dem französischen Regisseur durch die Pariser Straßen bei Morgengrauen. Die Kamera ist auf der Motorhaube angebracht und blickt die ganze Zeit über starr gen Fahrtrichtung. Asphalt jagt an uns vorbei. Die einzige Musik ist der Takt des aufheulenden Motors und quietschenden Reifen. Man spürt den Fahrtwind regelrecht. 

Es ist eine solch halsbrecherische Fahrt, dass man jeden Augenblick mit einem Unfall rechnet. Passanten müssen aus dem Weg springen. Tauben entkommen der mörderischen Maschine nur haarscharf und verschwimmen im Licht der Scheinwerfer. Entgegenkommende Autos werden zu Projektilen — ein jedes mit dem Potenzial, diese Fahrt zu einem tödlichen Ende zu bringen. Es ist eine atemberaubende Plansequenz. Doch geplant ist hier nichts. Denn die Passanten müssen wirklich um ihr Leben fürchten und die hupenden Autos werden nicht von Stuntfahrer*innen gefahren. Lelouch hat die Wirklichkeit als Rennstrecke auserkoren. Dieser fragwürdige Übergriff des Filmemachers auf reale Umstände, diese Überspitzung des Cinéma Vérités, hat aber einen unglaublichen Effekt. Man wird mitgerissen, jede Kurve besitzt ihren eignen Spannungsbogen, den man atemlos beobachtet. Gleichzeitig wird so eine Sache ganz deutlich: die Person am Steuer hat ein klares Ziel vor Augen. Lelouch Kurzfilm verdichtet absolute Dringlichkeit in einer Einstellung. Und während das Auto die Straßen weiter herunter donnert, beginnt somit ein ganz eigener Film in den Köpfen des Publikums zu spielen. 

So ging es jedenfalls mir. Ich fing an, mich zu fragen, wohin dieser Verrückte so schnell muss. War er auf der Flucht von einem Banküberfall? Lag ein angeschossener Komplize blutend auf dem Beifahrersitz? Je länger der Film dauerte, desto mehr fing meine Fantasie an, ins Detail zu gehen. Ich begann mir vorzustellen wie die mögliche Fahrer*in dieser Geschichte, die in meinen Kopf ablief, wohl aussieht. Am Ende des neunminütigen Höllenritts bekommt man darauf fast eine Antwort. Das Auto kommt quietschend zum Halt, davor kommt eine junge Frau ins Bild gelaufen. Wir hören die Autotür aufgehen und sehen den Fahrer auf sie zulaufen. Sie umarmen sich — die Titelblende verrät: Er war nur für sie, für dieses Rendezvous, wie ein Berserker durch die Stadt gerast. Doch den Fahrer sieht man nur von hinten, sein Gesicht bleibt ein Rätsel. Seine besondere Art der Liebeserklärung löst den wilden Adrenalinritt mit einem Lacher auf und trotzdem geht mir dieser Kurzfilm nicht mehr aus dem Kopf. Oder viel eher der Film, der in meinem Kopf ablief. Der Film, der nicht auf die Straße blickte, sondern mit jeder Kurve, mit jeder ignorierten roten Ampel das Gesicht des unsichtbaren Fahrers vor meinem inneren Auge deutlicher werden ließ.

Es ist diese Art des Unsichtbaren, das mich fasziniert, das sich bei mir festsetzt und nicht mehr loslässt. Genau das ist die Arbeit einer Filmemacher*in — das Unsichtbare in den Köpfen des Publikums sichtbar machen. Doch um meine Besessenheit zu mildern, um diesen unsichtbaren Fahrer endlich aus meinen Gedanken loszuwerden, will ich das Gegenteil versuchen. Ein Experiment wagen: Ich will ein Phantombild von meinem imaginären Fahrer kreieren. Vielleicht erlaubt dieser Prozess des Erkenntlich-Machens meiner zermarternden Fantasie endlich eine Pause einzulegen, das Phantom einzufangen, das Unsichtbare zu greifen.

Die Jagd auf das Unsichtbare beginnt mit dem Versuch einer Beschreibung: 

In meinen Augen ist der Fahrer fast 40 Jahre alt. Doch sein Wagemut lässt ihn unverhofft jünger aussehen, solange er ihn nicht ins Grab bringt. Er sieht eher wie 30 aus. Seine schwarzen, öligen Haare würden ihm bis zum Kinn reichen, wenn sie nicht nach hinten geworfen wären. Nur eine fettige Strähnen fällt ihm immer wieder ins Gesicht. Dadurch sieht seine Stirn wie eine steile Felswand aus, an der nur eine einzige Liane sich halten konnte. So groß seine Neandertalerstirn ist, so groß sind auch die zwei tiefen Furchen, die sich bis zur Nase entlangziehen, wenn er konzentriert die Augen zukneift. Seine Augen funkeln unter dem Schatten dieser Stirn umso stärker. Sie sind ein helles Braun und durchdringen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Es ist eine kalte Intelligenz, die aus ihnen spricht und alles, was sie sich einverleiben, bleibt akkurat kalkuliert zurück, so als hätte es nur dank seines Blickes den rechten Platz im Universum eingenommen. Seine Nase steht im krassen Verhältnis zu seiner Stirn. Sie ist schmal und zerbrechlich und verleiht seinem Gesicht eine unerwartete Eleganz, die im Gegensatz zu der rohen Kraft seiner restlichen Züge steht. Bei jeder riskanten Kurve fallen die Nasenflügel in sich zusammen und blähen sich je wieder auf, wie das Stoßgebet eines Irren. Seine Lippen sind fest zusammengepresst, doch wenn er lächeln würde, könnte man sehen, dass die Oberlippe schief auf die Unterlippe aufliegt. Sein restliches Gesicht ist aber symmetrisch. Seine Wangenknochen laufen in einem markanten Kinn zusammen, an dessen Scheitelpunkt eine kleine Kerbe nach innen drückt. Ein Dreitagebart mit vereinzelten grauen Haaren übersäht sein Gesicht. Das ist er, wie ich ihn mir im Kino vorgestellt habe und seit dem nicht mehr vergessen kann. 

Um das Phantom aber endgültig zu greifen, bedarf es aber Hilfe von jemanden viel Talentierterem. Jemanden, der diese Beschreibung in ein Bild verwandeln könnte. Im Austausch mit Mayra, einer Kommilitonin an der HFF München, die selbst auch Filmemacherin ist, ist genau das passiert. Als VFX-Künstlerin besitzt sie eine unglaubliche Aufmerksamkeit zum Detail und entwirft lebendige Charaktere im Minutentakt. Ich schätze mich sehr glücklich, dass sie ihre künstlerischen Fähigkeiten zur Verfügung gestellt hat, um dieses Phantombild meines Rennfahrers anzufertigen: 

Sein Name ist André. Er ist der andere. Nicht der, der in Wirklichkeit am Steuer dieser Höllenfahrt saß. Sondern der, der nur in meiner Vorstellung das Lenkrad übernimmt. Der Phantom-Fahrer, dessen Bild nur in mir entstand und in der Imagination einer jeden Zuschauer*in wohl ganz anders aussieht. Aber dank der Hilfe von Mayra kann ich ihn nun endlich ziehen lassen und mich dem nächsten Phantom zuwenden, das mir auf einer Leinwand begegnet. 

LG vom LG
(Louis Gering)

Mayra Ebensen ist Künstlerin und zukünftiger Visual Effects Artist. Sie studiert aktuell an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Um Duchamp zu zitieren: art is an idea, usually a bad one.

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