PAPIERFLIEGER: Liebe Francesca Woodman

Liebe Francesca,

die moderne Welt, ich verstehe sie nicht mehr. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es nicht auf alte und nicht auf neue Form ankommt, sondern darauf, dass man tätig ist, ohne an irgendwelche Formen zu denken. Man ist tätig, weil sich im Inneren etwas rührt, etwas, dass frei aus der Seele hervorströmen möchte. Ohne Konsens, ein neues System, dass jeder und jedem erlaubt, sich zu verselbstständigen. Und so hast du mich mit deinen Fotografien dazu bewegt, mich selbst in Szene zu setzen, mich auszuprobieren in der Selbstinszenierung.

Die Fähigkeit die Wirklichkeit zu sehen, verlangt die Schulung des Auges. Erst wenn ich richtig sehen kann, kann ich das Gesehene in angemessener Art und Weise zum Vorschein bringen; ich kann es zeigen. Heißt das, dass ich zuerst erkennen muss, wer ich bin, um mich selbst zu zeigen, um mich selbst in Szene zu setzen? Jetzt stehe ich vor diesem Bild, einer Fotografie die eine Schildkröte zeigt, die durch einen leeren und morbiden Raum kriecht, beobachtet von einem Mädchen, dessen Gesicht verdeckt ist, das aber trotzdem hinsieht. Dieses Mädchen bist du. Du bist in diesem Moment der Bewegung gefangen, eingefangen und dem Betrachter ausgeliefert. Du hast alles ganz bewusst inszeniert, im existenziellen Interesse deiner selbst, den Eindruck, den du dabei abgibst, nach Möglichkeit zu kontrollieren. Es ist deine Performance, die mit der Kamera in der Funktion des zwischenzeitlichen Publikums eingefangen wird. So ist das Bild die einzig richtige Art und Weise, dich auszudrücken, um deinen Formen des Denkens wie die Inspiration, die Intuition und vor allem die Imagination [Imago – lat. Bild] in einem Werk zum Vorschein zu bringen. Das, was du siehst, zeigst du mir durch deine Fotografie. Du bist die Künstlerin katexochen. Du warst die Außenseiterin im künstlerischen Leben deiner Zeit. Du warst fähig zu leiden, hast dich verschlissen. Deine Fotografien sind Inszenierungen, die ein Bündnis mit Fantasie und Wirklichkeit eingehen, die die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen – deine Fähigkeit, in der Realität zu erscheinen und aus ihr herauszutreten, wie ein Geist – und mich als Betrachtenden immer mit Fragen zurückzulassen. Ein Gebilde nach deinen Regeln gebaut, schafft eine traumähnliche Atmosphäre, zart, voller Melancholie, wie aus dem Surrealismus entschlüpft. Diese erdachte Welt gleicht einem Spiel zwischen Irdischem und Übersinnlichem. Das Spiel als etwas freies, das den zur Freiheit verurteilten Mensch zum Selbstentwurf befähigt und zum ersten Mal zeigt, dass der Mensch das sein kann, was dieser als sein Selbst, als die ihm eigene Person kreiert.

Du bist aus dem Fenster gesprungen und nach dir die Sintflut. Eine Flut an Bildern aus der virtuellen Welt überschwemmen mich und erschweren mir das klare Sehen. Ich frage mich, ob du dir damals schon ausgerechnet hast, welche Tragweite und welchen Einfluss dein Werk auf alles Kommende und jetzt Vorhandene haben wird. Ein Bild kann heute jede oder jeder produzieren und verbreiten. Jede oder jeder kann sich selbst in Szene setzen, wenn diese oder dieser das Spiel mit dem Bildern beherrscht und somit bekannt, erkannt und prominent werden. Es ist die kindliche Sehnsucht nach Erfolg und Ruhm, doch bei dir war es der brennende Wunsch, als Reformerin der Fotografie wirksam zu werden. So waren doch deine Werke die erste Geste, die zu dieser Entwicklung überhaupt beitrugen und zu einer weiteren führten. Heute ist es selbstverständlich, den Mensch als Begriff der Kunst in die Gesellschaft hinüberzuführen. Die Kunst ist nun dahin gekommen, dass der Mensch selbst das Kunstwerk ist, wobei die Qualität des Kunstwerks fraglich bleibt.

Heute ist das Zeigen dem Sehen vorrangig. Es wird alles gezeigt, was vor die Linse kommt. Man schießt auf den Mensch, auf den sich darstellenden Mensch, auf die ganze Schönheit der Erde, auf die Straßen, die Blumen, die Gebäude. Die Hauptsache ist, dass man schießt. Doch im Zentrum steht nicht das vom fotografierenden Subjekt Gesehene, sondern, dass das Gezeigte von Anderen gesehen wird. Nicht

der Inhalt, sondern der Ausdruck soll überzeugen. Vor allem das Hervorheben der eigenen Person und ihr ewiger Geltungsdrang sollen künstlerisch inszeniert sein, um ein Maximum an Aufmerksamkeit zu generieren. #how_to_become_famous_on_instagram? Dieser Drang des Zeigens und die gewollte Inszenierung überrumpeln oftmals die Betrachterin oder den Betrachter und lassen diese oder diesen verständnislos fragend zurück. Dann stellt sich den Betrachtenden nicht die Frage, wie der Inhalt zu deuten, sondern wo der Inhalt überhaupt abgeblieben sei. Wenn es der Fotografin oder dem Fotografen nicht gelingt das Gesehene in der Selbstinszenierung zum Ausdruck zu bringen, dann erscheint das Aussehen der Gesten mechanisch, als eine sinnlose Pantomime und das Gezeigte ist nur noch stumpfsinnig und leer. Folglich spiegelt sich in der Fotografie eine Unaufrichtigkeit gegenüber sich selbst und die Selbstinszenierung dient lediglich der Verbreitung einer Lüge über die eigene Person, die einer Täuschung aller gleicht. Der moderne Mensch missbraucht die Selbstinszenierung in der Fotografie für eine Hervorhebung der eigenen Person, während du diese zum Zeigen des von dir Gesehenen gebrauchtest. Der Unterschied ist, dass du in deinen Fotografien immer du selbst bist. Zwar spielst du eine Rolle, sprichst durch eine Maske, aber du bleibst immer konsequent bei der Wahrheit und die oder der Zuschauende sieht immer dich. Deine Fotografien haben das etwas, das Geheimnis, welches unerklärbar ist, jedoch da ist, spürbar ist, unterbewusst wahrgenommen werden kann, schlussendlich das Erhabene, was die Fotografien erst zu Kunstwerken erhebt. In einem Wort zeigst du das Gesehene wahrhaftig. Ich möchte einmal sehen können wie du. Ach, wenn ich nur einmal so sehen könnte wie du, Francesca.

Ich bin ein Fotograf, der schreibt, jedoch noch nie eine Kamera in der Hand hatte und Legastheniker ist.

Erregt grüßend

Nolram Beinhart

Regie: Marlon Bienert
Performance: Marie Elise Hufnagel

Marlon Bienert ist Videokünstler und studiert Architektur an der TU München.